Freier Wille

Philosophieren in Schloss Liebenberg

Gibt es einen freien Willen?

Sie haben diese Internetseite aufgerufen und gerade damit be­gonnen, diesen Text zu lesen. Warum kam es dazu? Ging dem ein Willensentscheid voraus? Hat also Ihr Wille Ihr neuronales System veranlasst, die körperlichen Handlungen zu vollziehen, die nötig sind, diese Internetseite zu öffnen und mit der Lektüre dieses Textes anzufangen? Oder anders ausgedrückt: Hätten Sie sich auch dagegen entscheiden können? Man muss nicht Philosophie studiert haben, um zu sagen: Aber natürlich habe ich mich dafür entschieden. Schließlich kann ich etwas tun, es aber genauso gut bleiben lassen. Beweisen Sie es sich doch und brechen die Lektüre an dieser Stelle umgehend ab und lesen Sie einfach morgen weiter!

Doch die Gegenposition hat ebenfalls gewichtige Argumente. Neurowissenschaftlich unterfüttert versucht sie, das Erleben der eigenen Willensfreiheit als bloße Illusion, als unwillentliche Selbsttäuschung bloßzustellen. Der Willensakt ist somit nicht dasjenige, was neuronale Prozesse auslöst. Vielmehr erzeugen umgekehrt diese Prozesse die Illusion willensgelenkter Entscheidungstätigkeit. Das menschliche Verhalten wäre also keineswegs frei und selbstbestimmt, sondern vielmehr fremdbestimmt, unfrei und determiniert.

Dass Sie weitergelesen haben, wäre also nicht freiwillig geschehen – so wie kein menschliches Handeln freiwillig wäre. Wir sehen, es steht in dieser Debatte viel auf dem Spiel: Der Mensch als selbstbestimmtes, selbstverantwortlich handelndes Wesen, das zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht unterscheiden und sein Leben bestimmten moralischen Vorstellungen anpassen kann. Von einer moralischen Katastrophe zu sprechen, wäre nicht übertrieben: Zwischen Lüge und unwissentlich falscher Aussage, zwischen absichtlichem und unabsichtlichem Handeln gäbe es keinen Unterschied mehr. Das hieße: Das Leben des einzelnen Menschen ist, wie es ist – er kann es nicht planen, ändern oder auf ein höheres Ziel ausrichten.

Im Spätsommer veranstalten wir, die Organisatoren M. Patrick Klein (M. A.) und Dominik Sobacki (M. A.), mit dem international renommierten Philosophen Dirk Koppelberg ein 4-tägiges Seminar im Schloss Liebenberg zu diesem Thema. Mit ihm werden wir uns in einer kleinen Gruppe (7 bis 10 Personen) die verschiedenen Positionen in dieser Frage denkend erarbeiten und kritisch diskutieren. Selbstverständlich wird Herr Koppelberg die drängenden Grundbegriffe allgemeinverständlich klären: Was sind überhaupt neuronale Prozesse bzw. was ist das Anliegen der Neurowissenschaft? Was bedeutet Fremdbestimmung und Determinismus? Was ist mit ‚moralischer Katastrophe‘ gemeint und was folgt daraus? Er bietet Ihnen also die Gelegenheit einer philosophischen Bildungserfahrung im besten Sinne: sich selbst als fragend, denkend und urteilend zu erfahren.

Das von Theodor Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg beschriebene Schloss Liebenberg bildet dafür mehr als eine nur perfekte Kulisse. Für Fontane, wie für uns, geht es hierher in der Sommerzeit, „um in einem Borkenhäuschen den Tee zu nehmen und sich unter neckischem Spiel, als wär’ es im »Sommernachtstraum«, über Wald und See hin zu verteilen, zu haschen und zu suchen.” Die Glückserfahrung des philosophischen Nachdenkens findet so ihre sinnliche Erweiterung. Und das Schloss Liebenberg, das auf viele Intellektuelle bereits eine große Anziehungskraft ausübte, bietet eine hervorragende Küche, behutsam restaurierte Schlossarchitektur und komfortable sowie barrierefreie Unterkünfte. Das Seminar wird verständlich und unkompliziert sein und setzt keine besonderen Vorkenntnisse voraus. Im Mittelpunkt stehen der konstruktive Dialog und die gemeinsame Erarbeitung sorgsam ausgewählter Schlüsseltexte. Durch die bewusst gering gehaltene Teilnehmerzahl ist gewährleistet, dass die Teilnehmer sich mit ihren jeweils spezifischen Interessen einbringen können. Es eröffnet sich Ihnen damit die exklusive Möglichkeit, mit einem professionellen Philosophen in einen engen und intensiven Dialog einzutreten. Zu dieser einzigartigen Erfahrung laden wir Sie herzlich ein.